Dez
12
Ethik im Geschäftsleben?
Lange Jahre war ich Mitglied einer Initiative für mehr Fairness im Geschäftsleben.
Wir haben Unternehmen bei der Einführung von Kulturwerten und Leitbildern unterstützt. Doch die gelebte Realität sieht oft leider ganz anders aus als das ethische Feigenblatt. Immer wieder bin ich erstaunt bis fassungslos, wie manche Unternehmen ihre eigenen Grundsätze mit Füßen treten.
Da werden Mitarbeiter kujoniert, schikaniert und wie unmündige Kinder behandelt, auch wenn in den Unternehmensgrundsätzen Parolen wie diese stehen:
“Wir schaffen den Rahmen für erfolgreiches Arbeiten, indem wir uns respektieren, gegenseitiges Vertrauen und Ergänzung fördern.
Da wird weiterhin nach Gutsherrenart geführt, auch wenn die Kulturwerte schreiben:
“Wir haben Anspruch auf einen kooperativen Führungsstil und offene Kommunikation.”
Da sind Kommunikation und Informationsfluss eindimensional von oben nach unten, und Kritik ist meist unerwünscht, auch wenn im Leitbild steht:
“Jeder Mitarbeiter hat das Recht, konstruktive und sachliche Kritik zu üben.”
Mitarbeiter merken schnell, dass das solche – von oben kommenden – Unternehmensgrundsätze Makulatur sind und letztlich nur den bereits von Heinrich Heine vor etwa 200 Jahren beschriebenen Praktiken tradierter Führung entspricht:
Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
ich kenn’ auch die Herren Verfasser;
ich weiss, sie tranken heimlich Wein
und predigten öffentlich Wasser.
In solchen Fällen ist ein Leitbild nicht einmal das Geld des Papieres wert, auf dem es gedruckt steht.
Es gibt unserer Erfahrung nach nur sehr wenige Unternehmen, die es mit ihren Leitbildern ernst meinen.
Da scheint es fast ehrlicher, man gäbe sich gar nicht erst ein Leitbild – oder man schriebe stattdessen:
“Unser Prinzip ist die Gewinnmaximierung, ohne Wenn und Aber.
Den Anweisungen der Vorgesetzten ist ohne Rückfrage und unbedingt Folge zu leisten.
Personal macht nur Kosten deshalb versuchen wir, diese so gering wie möglich zu halten.
Die Arbeitszeit ist nach oben offen, Überstunden sind mit dem Gehalt abgegolten.
Wir erwarten gelebte Dankbarkeit dafür, dass wir überhaupt Arbeitsplätze zur Verfügung stellen.
Jeder ist ersetzbar.
Gute Mitarbeiter, die das Unternehmen von sich aus verlassen, sind unredlich und undankbar.
Wer die B-Frage (Betriebsrat) stellt, der fliegt.
Das Unternehmen hat immer und in allem Recht.“