Burn-out – mehr als eine Berufskrankheit?

Die Belastungen am Arbeitsplatz nehmen zu. Die Ausfälle auch. Viele Mitarbeiter halten das Tempo nicht mehr aus. Der Übergang von der Industriegesellschaft zur Informationsgesellschaft hinterlässt Spuren und fordert Opfer. “Burn-out” lautet die zunehmende Diagnose. “Burn-out” bedeutet in der deutschen Übersetzung ausgebrannt oder auch: “Zustand totaler Erschöpfung”.

Immer mehr Beschäftigte leiden unter Zeitdruck und Zeitverdichtung. Die AOK weist auf Studien hin, dass inzwischen jeder zehnte Fehltag auf akute Erschöpfung zurückgeht – im Zehnjahresvergleich ein Anstieg um 80% und in absoluten Zahlen 100.000 Krankheitsfälle und 1,8 Millionen Fehltage pro Jahr. Das alles trotz 5-Tage-Woche und deutlich verbesserter Arbeitsplatzbedingungen.

Der Konkurrenzkampf ist härter geworden. Der Leistungsdruck und die Arbeitsverdichtung steigen kontinuierlich mit der Produktivität – denn die verbessert weiterhin. Alles wird zunehmend messbar gemacht. Ziele werden vereinbart und überprüft – wegducken geht nicht mehr. Die Leistungsträger wittern Morgenluft und wollen immer mehr, die Schwächeren und Alten fürchten hingegen um ihren Arbeitsplatz. Konnte man sich früher noch ein Kollegen hinter einer guten Abteilung verstecken, haben Schwachleister heute keine Chance mehr: Leben auf der Überholspur. Die Langsamen werden auf den Standstreifen gedrängt, alles Schwache wird rausgemendelt. Mitleid? Geschenkt!

Allzeit bereit

Dank neuer Kommunikationstechnologien ist man rund um die Uhr überall erreichbar und kann dort angepiept werden. Luxus ist, wer nicht ständig ein Handy bei sich zu tragen braucht. Vielen Menschen fällt es angesichts der zunehmend auf sie einprasselnden Informationen schwer, Prioritäten zu setzen. Besonders Führungskräfte hetzen beruflich von einem Termin zum nächsten. Kein Problem, sofern sie dabei glücklich und ausgeglichen sind. Bedenklich wird es aber, wenn sie auf Dauer einen der vier Lebensbereiche Beruf/Leistung, Gesundheit, Sinn oder Familie/Soziales vernachlässigen. Im Krankenhaus ist dann meist Funkloch.

Dabei stehen Führungskräfte fälschlicherweise im Rampenlicht des “Burn-outs”.  Faktisch sind vielmehr die Berufsgruppen davon betroffen, die andere Menschen pflegen oder betreuen: Krankenpfleger, Heimleiter, Sozialpädagogen, Lehrer, Mitarbeiter von Call Centern. Was einst die Familie stemmte, übernehmen nun zunehmend diese Berufsgruppen. Frauen werden vom “Burn-out” doppelt so häufig befallen wie Männer: Schlafstörungen, Herzrasen, Übelkeit, Angstzustände, Depressionen.

Leistungsgedanken in der Freizeit

Die Übertragung des Leistungsgedankens in die Freizeit geschieht häufiger als mancher “Workoholic” glaubt. Das zeigt sich zum Beispiel daran, wie Menschen Sport treiben. Sie hecheln mit GPS-Unterstützung durch den Stadtpark, als gelte es einen Weltrekord zu brechen. Keiner rennt dabei mehr gegen den anderen. Jeder rennt nur noch gegen die Zeit. Kaum hat man das Ziel erreicht, greift man zum Handgelenk und drückt die Stopptaste an der Pulsuhr. Nur zwischendurch nicht anhalten und ein Schwätzchen mit einem spazierenden Bekannten machen – das versaut den ganzen Schnitt! Im Fitness-Studio sind die individuellen Parameter für den Muskelaufbauplan schon programmiert.

Vielen Machern fällt das “Runterschalten” in der Freizeit schwer, selbst privat können sie den Fuß nicht vom Gaspedal nehmen. Sogar zu Hause bei ihrer Familie oder in der Kneipe mit Freunden, gelingt es ihnen nicht, abzuschalten. Still sitzen und nichts tun? Bewahre! Hyperaktiv hetzt man von einen privaten Termin zum anderen: “Keine Zeit!” lautet zunehmend die Antwort.

Die Angst im Nacken

Dass sich viele Menschen auch in ihrer Freizeit hetzen, liegt vermutlich daran, dass manche die latente Angst plagt, sie gelten sonst nicht mehr als leistungsfähig oder könnten mit den Veränderungen, die sich in ihrem beruflichen Umfeld vollziehen, nicht mehr Schritt halten.

Doch die Antwort auf den Tempotrend unserer Zeit kann nicht immer stärkeres Gasgeben sein. Vielmehr ist ein Wechsel zwischen Beschleunigung und Entschleunigung nötig. Viele Menschen vergessen, dass sie auf Dauer nur dann leistungsfähig sind, wenn sie sich eine gesunde Balance zwischen den verschiedenen Lebensbereichen bewahren. Treiben wir mit unserem Körper Raubbau, leiden auf Dauer nicht nur unsere Körper, sondern auch die Seele und die geistige Leistungsfähigkeit.

Über diese Zusammenhänge denken viele beruflich stark engagierte Personen nur wenig und ungern nach – zumindest solange nicht, bis sie geistig, seelisch oder körperlich kollabieren. Der einzige Weg, dieser Gefahr zu entgehen, besteht darin innezuhalten und sich zu fragen: Was ist mir in meinem Leben wirklich wichtig?

Immer schneller, immer höher, immer weiter

“Arbeiten, arbeiten und nochmals arbeiten.” In manchen Lebensphasen mag diese Devise kurzfristig sinnvoll sein. Zum Beispiel beim Berufseinstieg oder beim Jobwechsel. Oder wenn’s im Unternehmen “brennt”. Doch wer auf Dauer nur noch Arbeit kennt, stellt irgendwann unweigerlich fest: Ich bin tiefentladen – alle Energie ist aus meiner Batterie entwichen.

Bei unserer praktischen Arbeit für Unternehmen erleben wir immer häufiger Mitarbeiter, die im Fachjargon “gar” sind. Nervlich und körperlich fix und fertig kennen sie zwar oftmals die Ursachen der diversen Missstände, haben meist jedoch nicht (mehr) den Mut, sich dagegen zu wehren.

“In meinem Alter findet man so leicht keine neue Stelle mehr”, sagt uns ein Abteilungsleiter. “Wir müssen die Produktivität steigern. Wir müssen mehr Druck und Kontrolle ausüben”, resümiert eine andere Führungskraft beim Nachdenken über mögliche Lösungswege. Ein anderer Mitarbeiter bekennt: “Ich habe Angst, weil ich eigentlich glaube, dass ich es kann, es aber nicht schaffe.” Auch in den sog. “Meetings” erleben wir immer mehr “Schoßgucker”, die sich wegducken. Keiner wagt mehr, dem Chef zu widersprechen. Hier herrscht wieder die alte “Regel 1″ von einst: Der Chef hat immer Recht!

Das Selbstvertrauen schwindet – und mit ihm die Motivation. Angst vor Sanktionen und maximal dem Verlust des Arbeitsplatzes machen aus erwachsenen, einst mündigen Menschen verhaltenabhängige Kleinkinder (siehe Transaktionsanalyse von Eric Berne). Doch wem soll damit gedient sein? Dem modernen Wissensstandort Deutschland? Mitnichten! Wir leben in einer Zeit des Fachkräftemangels. Mitarbeiter wollen vor allem Wertschätzung und ein gutes Arbeitsklima, hat Jobscout 24 kürzlich herausgefunden.

Lebens(t)räume

Den Meisten fehlt eine Lebensvision, die alle Lebensbereiche in sich vereint. Menschen können meist zwar sagen, was sie im Beruf, doch  nicht, was sie in ihrem Leben erreichen möchten. Denn der Zerfall der Familien und Gemeinschaften trägt einen nicht zu unterschätzenden zusätzlichen Anteil zum “Burn-out”-Syndrom bei. Fehlt dort der Lebenssinn, wird es auch im Unternehmen eng. Und wer dann als Unternehmen auch noch den Ruf hat, seine Leute zu “verheizen”, der bekommt schon bald keine guten Mitarbeiter mehr.

Ein schonender und “nachhaltiger” Umgang mit den “Ressourcen”, das schreiben sich vielen Unternehmen inzwischen auf die Fahnen. Die wichtigste “Ressource” ist und bleibt jedoch der Mensch.

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