Wie viel Kritik verträgt ein Seminarteilnehmer?

Der Teilnehmer eines Telefontraining schrieb mir vor einigen Wochen die folgende Rückmeldung (anonymisierter Auszug):

Ich wollte noch einmal ein kurzes Feedback bezüglich der Schulung am Freitag geben.

Ich war mit der Schulung sehr, sehr zufrieden und es hat mir großen Spaß gemacht. Besonders gut fand ich, dass wir meines Erachtens nach genau die richtige Gruppengröße hatten, um so ein Seminar aktiv mitzugestalten und das einem auch alle Fragen genau beantwortet werden können. Die Anzahl der Teilnehmer ließ es einfach zu, individuell auf Stärken und Schwächen der einzelnen Teilnehmer einzugehen und es kam einem nicht wie eine „Massenabfertigung“, in der versucht wird, einfach nur alle einmal dran kommen zu lassen, vor.

Gut gefiel mir auch, dass der aktive Teil sehr sehr groß war und dem Aufbau nach immer auf eine kurze theoretische Einleitung folgte. So konnte man auch individuell nach einer Art Baukastenprinzip sich von Aufgabe zu Aufgabe steigern und die neue Thematik in die vorher vorbereiteten Aufgaben einbauen.

Zudem glaube ich, dass wir Azubis (hoffentlich) ein wenig kritikfähiger sind, als angenommen. Oftmals wurden Dinge angesprochen, die in einem Gespräch gut geklappt haben. Ich glaube, da kann man durchaus „etwas härter rangenommen“ werden, ohne dass sich jemand auf die Füße getreten fühlt.

Alles in allem fand ich das Seminar sehr gelungen und war froh, dass durch das ständige aktiv teilnehmen, der Tag kurzweilig, interessant und informativ war.

Ich habe dem Teilnehmer wie folgt geantwortet:

Herzlichen Dank für Ihre schnelle, positive und umfassende Rückmeldung!

Ja, es stimmt, ich bin als eher „weicher“ Trainer bekannt – und will Ihnen das gerne auch begründen.

Nicht jeder Teilnehmer oder gar Azubi hat die für eine „konstruktive“ Kritik nötige „Reife“ bzw. das Selbstbewusstsein wie Sie. Sie glauben gar nicht, wie gerade auch viele „gestandene“ Kollegen, sich schwer tun, an solchen Rollenspielen / Praxisübungen teilzunehmen – bei Videotraining noch einmal mehr.

Um diese Hemmschwelle so niedrig wie möglich zu halten, kritisiere ich sehr maßvoll bzw. vorsichtig. Ich möchte niemanden “coram publico” kompromittieren – denn dann verliert der ggf. schnell die Lust bzw. Motivation. Meine Erfahrung als Trainer zeigt, dass Teilnehmer selber ihre größten Kritiker sind – und auch selber durchaus merken, wo sie noch optimieren können.

Das Ziele eines Seminars (jedenfalls bei mir) ist ja auch nicht, gleich ALLES noch IM Seminar richtig zu machen, sondern Teilnehmer für ein Thema zu sensibilisieren, ihnen interessante Informationen zu geben und Anregungen zu vermitteln, bestimmte Themen in der Praxis selber auszuprobieren – practise makes perfect!

Zudem ist unser Seminar ja eingebettet in eine wohl durchdachte Serie von Qualifizierungsangeboten. So können wir an solchen Themen zum Beispiel auch im Zusammenhang mit den Seminaren “Rhetorik Basis” und “Rhetorik FF” oder “Verkaufsgespräche” weiterarbeiten.

Ein gutes Seminar vermittelt das Wissen darüber, was man von den Inhalten und Anregungen ggf. in die Praxis umsetzen kann. Doch Wissen bedeutet nicht Können. Oder drastisch ausgedrückt: Nach einem Seminar kann man – noch – wenig oder nichts. Jahrzehntelange Verhaltensweisen können auch nicht in wenigen Stunden verändert werden. Trainer haben die Aufgabe, Lernprozesse zu initiieren. Seminare sind so gesehen Initialzündungen, sie sollen Anstöße geben. Dass einem Teilnehmer bereits IM Seminar etwas gelingt, was er vorher noch nicht konnte, sind wunderbare erste Erfolgserlebnisse, die Mut machen sollen. Das routinierte “Können” kommt dann mit der Zeit.

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