Jan
10
Die Führungskraft – als Vorbild?
Der Wunsch nach Vorbildern ist (wieder) groß. Und er ist ambivalent.
Denn hinter dem Wunsch nach einem Vorbild steht die Idee, jemand möge – stellvertretend für mich – Vorbild sein (“Falco war mein großes Vorbild!”). Ich selber bin es offenbar nicht, denn sonst brauchte ich ja kein Vorbild. Andere sollen also als Vorbild herhalten - nicht mich soll man zum Vorbild nehmen.
Auch Führungskräfte – so wird es immer wieder gefordert – sollen Vorbilder sein. Aber ist das überhaupt sinnvoll? Der Autor Reinhard Sprenger bezieht dazu in seinem Buch “Das Prinzip Selbstverantwortung” Stellung.
Vorbilder lügen
Die Forderung nach Vorbildlichkeit würde zur Negation von Personalentwicklung, die damit überflüssig würde, schreibt Springer – sophistisch wie immer. Und Vorbild sein, heißt nach Sprenger zu lügen. Denn viele Führungskräfte arbeiteten bis zur Selbstaufgabe, nur um als Vorbild dazustehen. Man komme morgens als Erster und gehe abends als Letzter. Man sei pausenlos im Einsatz für das Unternehmen. Man gerate nie außer Kontrolle, sei immer verständnisvoll, einfühlsam und engagiert. Als Vorbild zeige man auch keine Schwäche.
Ein solches Vorbildhandeln verlange von der Führungskraft ein hohes Maß an Selbstverleugnung unter dauerndem Anpassungsdruck. „Er wird uns immer ein Vorbild sein“- das habe unzweifelhaft etwas Nachrufhaftes. Psychologisch richte sich das Vorbild aus einer gütigen Elternrolle an das angepasste Kind. Hier würden Prinzipien der Kindererziehung auf die Führung übertragen: „Manament by Parenting“. Wer ein Vorbild brauche, bezeuge letztlich Ich-Schwäche. Eine an Vorbildern orientierte Unternehmenskultur sei deshalb eine Kultur ohne Selbstverantwortung.
In der Tat, Mitarbeiter, die nicht lernen, indem sie sich selbst erfahren, sich selbst begegnen, sondern sich von einem Vorbild beeindrucken lassen, sind nicht kreativ, sondern ahmen nach. Sie denken nicht selber, sie kapieren nicht, sondern sie kopieren. Die Forderung nach dem Vorbild fördert in letzter Konsequenz zu Ende gedacht Verantwortungslosigkeit und ist eine besonders ausgekochte Form der Manipulation: Nicht nur in Westdeutschland hat man über die „Helden der Arbeit“ gelacht.
We don´t need another hero!
Vorbild sein ist darüber hinaus eher eine passive Aktivität als eine aktive. Zum Vorbild macht man sich nicht selbst, sondern man wird dazu gemacht. Wer versucht, aktiv Vorbild zu sein, wird es gerade deshalb nicht. Denn ein aktives Vorbild würde nicht handeln, um zu handeln, sondern um Vorbild zu sein. Damit würde es sein Tun als Wirkung auf andere inszenieren und gerade deshalb zwangsläufig scheitern. Und deshalb sollte es im Führungsalltag auch weniger um Vorbildlichkeit gehen, sondern vielmehr um Authentizität und Glaubwürdigkeit. Und das gilt nicht nur Führungskräfte, sondern jeder Mitarbeiter darf für sich beanspruchen, in seiner Einzigartigkeit respektiert zu werden.
Auch das moderne Führungsinstrument Zielvereinbarung verlangt, die Verantwortung für sein Handeln selber zu übernehmen. Vorbild und Selbstverantwortung widersprechen sich. Wer eigenverantwortliche Mitarbeiter will, wird sie nicht einem Vorbild nacheifern lassen. Innere Stärke ist allemal besser als eine von außen aufgenötigte Haltung. Ein Vorbild ist letztlich nichts anderes als das positive Pendant des Feindbilds, ein anderes gern gepflegtes konsensbildendes Hausmittel. Sprenger nennt es „Seelenbeihilfe zum Selbstbetrug“. Wer kann schon wirklich mit seinem Verhalten oder Leben ein Modell abgeben für andere?
Was also tun als Führungskraft?
Ganz einfach: Seine Arbeit tun, kreativ sein, so oft wie möglich gute Laune verbreiten und „Mensch bleiben“. Eine Führungskraft führt erst dann wirklich gut, wenn es für Mitarbeiter normal ist, sich bei ihm über ihn zu beschweren. Denn die meisten Chefs denken, sie seien perfekt, weil nur selten Kritik an ihnen geübt wird. Dabei erwarten Mitarbeiter keineswegs den perfekten Chef. Im Gegenteil, nur ein Chef mit kleinen Fehlern, Macken und Marotten ist „menschlich“. Mitarbeiter wünschen sich einen „Chef zum Anfassen“, der auch den Mut hat, zuzugeben, dass er Mist gebaut hat. Unvollkommenheit macht liebenswürdig.
Die Führungskraft als Beispiel
Etwas ganz anderes als Vorbild zu sein, ist es in konkreten Situationen ein Beispiel zu geben. Denn das Beispiel ist nicht auf die gesamte Palette gewünschten Verhaltens ausgerichtet, sondern auf den Einzelfall. Das Beispiel zeigt eine gewünschte Handlungsrichtung auf, lässt aber Raum für eine individuelle Umsetzung. Also räumt auch der Chef mal den Spüler aus, füllt das Kopierpapier auf oder macht abends als letzter das Licht aus – aber eben nicht immer!
